Von der Wut

Lange habe ich hier nichts mehr geschrieben. Vieles ist seitdem passiert. Unser kleiner Mann, dessen Wachsen und Werden mehr als jemals zuvor mein eigenes Wachsen beeinflusst und prägt, ist inzwischen bald drei Jahre alt. Er ist ein willensstarker, fröhlicher, neugieriger, feinfühliger kleiner Junge geworden, der jeden Tag zu einem wundervollen Abenteuer macht und uns mit seinem Witz, seinen Ansichten von der Welt und seinen Fragen verzaubert. Der momentan auch wieder viel Wut in sich hat, wenn etwas oder jemand sich nicht so verhält, wie er das möchte.

Diese Wut, manchmal richtige Verzweiflung, auszuhalten, fällt mir an manchen Tagen leicht, an anderen schwer. Manchmal provoziert sein Sturkopf und sein Beharren auf seinem Plan, sein Widerstand gegen gut gemeinte Vorschläge, in mir eine Wut, die mich erschreckt, und die ich versuche zu reflektieren und zu überwinden.

Das Begleiten seiner Wut gelingt mir am besten, wenn ich mir Mantra-mäßig sage: „Es hat nichts mit mir zu tun. Er fühlt sich ohnmächtig, es kommt über ihn, er macht das nicht, um mich zu ärgern. Die Wut muss raus, nicht mehr, aber auch nicht weniger.“ Wenn ich es schaffe, mir das so zu sagen, kann ich gut bei ihm sein, ihn spiegeln, abwarten, Einfühlung geben, irgendwann versuchen ihn mit Sprache zu erreichen. Dann halte ich das Schreien, das verzweifelte Auf- und Ab-Laufen, das ohnmächtige Weinen und Schluchzen, das Schimpfen, den kleinen Körper, der vor Verzeiflung gar nicht weiß wohin mit sich, der aber keinesfalls angefasst und getröstet werden will, gut aus. Leider klappt das nicht immer, leider reagiere ich selbst schnell „bockig“ und will den kleinen Schreihals am liebsten stehen lassen, wenn er sich nicht helfen lassen will…

Häufigste Auslöser für seine Wut sind aktuell Duplosteine, die sich ihm widersetzen, Planänderungen, die nicht ausreichend angekündigt wurden, von uns ausgeübte Macht, die mit seinen Plänen nicht übereinstimmt, Momente des Erwachens aus dem Schlaf, die aus irgendeinem Grund nicht gut sind, manchmal Überforderung durch Situationen, die neu sind… oft schaffen wir es durch Kommunikation aus Situationen heraus zu finden, weil er sich schon sehr gut sprachlich ausdrücken kann. Gerade das ist manchmal aber auch schwierig, weil er das in Momenten besonders großer Wut und Verzweiflung noch nicht schafft, wir aber gewohnt sind, dass er uns alles erklären kann…

Ich selbst war als Kind und als Jugendliche viel zu selten wütend, wie viele andere Kinder meiner und früherer Generationen auch – man war traurig, enttäuscht, „bockig“, beleidigt… aber wütend? Wut war eigentlich keine Option, schon gar nicht mit tatsächlichen Wutausbrüchen – alles ging eher nach innen, nicht nach außen. Wirklich zu streiten und mit Türen zu knallen (was für eine befreiende Handlung!) habe ich erst in der Beziehung zu meiner Frau gelernt. Das gab es vorher nicht.

Umso wichtiger ist es mir, dass unser kleiner Großer, der so viel pures Empfinden in sich trägt, das raus lassen kann, und dass er immer immer immer weiß, dass die Wut, die Traurigkeit, die Angst genau so zu ihm und zu uns allen gehören wie die Freude und die Fröhlichkeit. Dass es keine „schlechten“ Gefühle gibt, sondern dass alles gut ist, was „lebendig“ ist – alle Tränen, die geweint werden müssen und alles Lachen, das gelacht werden will…

So pur, wie Kinder die Freude, das Lachen, alles Schöne empfinden, genauso pur erleben sie eben zum Glück auch das andere noch, das Traurige, das Enttäuschende, das Verzweifelte, und wenn es raus konnte, wenn es erlebt und verarbeitet werden durfte, dann kann im nächsten Moment die Freude wieder da sein. Denn das können die Kinder ja so viel besser als wir: auch darin im Moment zu sein, im Hier und Jetzt, in der Wut und im nächsten Augenblick schon diese hinter sich lassend im Moment der Neugier oder der Konzentration zu sein…

Ich bin gespannt auf eure Kommentare: könnt Ihr Wut gut aushalten, die eigene und die eures Kindes? Könnt ihr gut streiten und wie habt ihr es gelernt? Schafft ihr es, euer Kind in Momenten großer Wut gut zu begleiten?

Wärmende Grüße durch die Kälte,

Katharina

 

P.S. Wer besser verstehen will, was im Gehirn von Kindern während eines Wutanfalls vor sich geht und wie wir als Eltern uns gut mit dem Kind verbinden können, dem sei das Buch „Achtsame Kommunikation mit Kindern“ von Siegel/ Bryson empfohlen.

Und noch ein P.S.: Ein wirklich gutes Buch zum Thema Aggression als gesellschaftlichem und pädagogischem Tabu, und wie sich das auf unsere frühere und heutige Erziehung auswirkt, ist das Buch von Jesper Juul: „Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder wichtig ist.“

 

 

 

 

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