Vom Strafen und Belohnen – 2. Teil

Jesper Juul schafft es häufig, komplexe Zusammenhänge so auszudrücken, dass ich mich frage: wieso bist du noch nicht selbst darauf gekommen? – Dass es trotzdem schwierig bleibt, alte Muster zu durchbrechen und verändert auf Situationen zu reagieren, bleibt eine andere Problematik…

Zum Thema Bestrafen sagt Juul Folgendes:

Die Begriffe Regeln und Strafe werden heute gern ersetzt durch Grenzen und Konsequenzen; trotzdem hängen Eltern und Erzieher immer noch am selben alten Konzept fest, dessen Ziel es ist, Kinder angepasst und konform zu machen.

Wenn du meine Regeln nicht beachtest, werde ich entweder deine Integrität verletzen oder dir die Zugehörigkeit zu mir verweigern – das ist Aggression in Reinform: und weil Kinder kooperieren, indem sie das Verhalten der Eltern nachahmen, führt dies bald (oder zehn oder zwanzig Jahre später) zu destruktiver Aggression oder selbstdestruktivem Verhalten.

Wenn ein kleines Kind seine Eltern haut, weil es sich unverstanden fühlt, braucht es keine Moralpredigt oder Strafe, es braucht Eltern, die ihre eigenen Grenzen deutlich machen, und verstehen, dass die Kommunikation gerade nicht gut läuft.

„Ich will nicht, dass du mich schlägst. Aber ich würde gern wissen, womit ich dich so wütend gemacht habe.“ – so eine Aussage macht das Kind nicht schlecht, sondern zeigt Interesse an dem, was hinter dem Verhalten steckt.

Jesper Juul

 

Unser kleiner Mann wird nun bald zwei Jahre alt und es passiert immer mal wieder aus Übermut, Überreizung oder aus Wut, dass er uns haut oder beißt.  Ich bin so froh, inzwischen zu wissen, dass das ein völlig normales Verhalten ist, das man nicht problematisieren, bagatellisieren oder tabuisieren muss. Es genügt ein einfaches „Das will ich nicht, das tut mir weh“, und weiter geht es im Spiel oder beim Quatsch machen oder auch im Begleiten des Wutausbruchs. Kein Schimpfen, Meckern, Moralpredigten halten ist notwendig – er ist ein kleiner Junge, der noch nicht besser weiß, wie er Spannung oder Frust abbauen kann. Punkt. Das wird er lernen, aber nicht von heute auf morgen. Wie schwer fällt es manchen Erwachsenen noch, ihre Impulse zu kontrollieren!

 

In Äußerungen wie „In unserer Familie darf keiner den anderen schlagen“ schwingt sich ein moralischer Konsens auf, in dem eine Drohung mitschwingt: Wenn du das nochmal tust, gehörst du nicht mehr zu uns – das beugt aggressives Verhalten nicht vor, sondern zieht es regelrecht nach sich, im selben Augenblick, am nächsten Tag oder erst, wenn das betreffende Kind bereits erwachsen ist.

Jesper Juul

Diese Aussage von Juul hat mich, nachdem ich sie zum ersten Mal gelesen habe, sehr zum Nachdenken gebracht. Auf den ersten Blick fand ich solche klaren Festlegungen, die zeigen, was uns in der Familie, in der Schulklasse etc. wichtig ist, immer sehr gut. Aber der Aspekt des drohenden Ausschlusses aus einer Gemeinschaft bei Fehlverhalten gibt dem Ganzen einen faden Beigeschmack. Ich versuche in Situationen, die schwierig sind, immer sehr bei MIR zu bleiben – sowohl zu Hause, als auch als Pädagogin in der Schule. Zu sagen: „Ich will das nicht“ oder „Das tut mir weh“ ist für Kinder viel klarer zu verstehen und zeigt meine eigenen persönlichen Grenzen viel deutlicher auf als schwammige Formulierungen wie „Das macht man nicht“ oder „Wir schlagen nicht“.

Schwieriger ist es natürlich in Situationen, wenn nicht ich selbst betroffen bin, sondern zum Beispiel ein anderes Kind von meinem Sohn gehauen wird. Das ist ein wirklicher Balance-Akt aus Zuwendung zu meinem Kind, Trost für das andere Kind und – nicht zu unterschätzen – der richtigen Mischung aus beidem für das beobachtende Umfeld bzw. die möglicherweise entsetzte Mutter des anderen Kindes. Dieses gesellschaftliche Umfeld, was immer da ist, guckend und sich seinen Teil denkend, sitzt viel mächtiger im Nacken als ich das früher gedacht hätte.

Wie geht es euch mit hauenden und beißenden Kleinkindern und der stets alles besser wissenden beobachtenden Menge? Wann beginnt bei euch Bestrafen? Ist Schimpfen schon Bestrafen oder ist es das erst, wenn ich mit Konsequenzen drohe und sie umsetze? Wie seht ihr das?

Sonnengrüße,

Katharina

Zitiert aus: Jesper Juul: Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder wichtig ist. 2013.

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