Vom Sinn des Spielens

Spielen als Zeitvertreib?

Spielen hat in unserer Gesellschaft leider keinen guten Ruf. Es wird schnell abgetan im Vergleich zum höherwertigen Lernen; selbst Spielzeug für kleine Kinder wird schon als Lernspiel deklariert, damit es sich besser verkauft.

Kinder haben immer weniger Zeit für freies, eigenaktives Spielen mit anderen Kindern, weil es immer mehr verplante, beaufsichtigte Zeiten gibt für die motorische, kognitive, soziale usw. Förderung… Es ist seit Jahren eine erschreckende Entwicklung, die sich da abzeichnet. Kinder, die „einfach so“ auf Höfen oder Straßen spielen, sieht man in einer Großstadt wie Berlin fast gar nicht mehr.

Dabei ist das kindliche Spielen so viel mehr als „Zeitvertreib“. Das Spielen ist der Motor der kindlichen Entwicklung – jeder einzelne Entwicklungsschritt wird im Spiel ausprobiert, angebahnt, lustvoll ausgeführt. Wenn man sich das vor Augen führt, wird schon klar, dass das Spiel keineswegs etwas ist, das nach dem Lernen geschieht, sozusagen zum Ausruhen, sondern dass das Kind im Spiel lernt und an seiner Entwicklung arbeitet.

Spielen ist Entwicklung

Wir können gerade bei unserem kleinen Mann wunderbar beobachten, wie das bei einem einjährigen Kind funktioniert: es gibt Phasen, da spielt er hochkonzentriert mit einem Gegenstand, anschließend gibt es meistens eine Phase, in der er viel Körperkontakt und Interaktionsspiele sucht (Verstecken, Fangen, Tanzen, Toben). Er beobachtet interessiert das Spiel älterer Kinder und macht das, was alle kleinen Kinder tun: Nachahmen und dabei spielend lernen.

Seit kurzem hat er entdeckt, dass man Dinge nicht nur irgendwo herausziehen, sondern auch hinein stecken kann. Seit Tagen ist sein bevorzugtes Spiel, einen kleinen Hund in eine Feuerwehr zu stecken: Tür auf, Hund rein, Tür zu – nachschauen, ob der Hund noch da ist, Tür wieder auf, Hund raus, Tür zu. Und das Ganze wieder von vorn. Nochmal und nochmal. Zeitgleich damit begann er auch, Kleidungsstücke in die Waschmaschine zu stecken, anstatt sie nur heraus zu ziehen. Das fordert ihm manchmal eine so hohe Konzentration und Anstrengung ab, dass ich mehr denn je gewillt bin, dem Satz von Montessori: Das Spiel ist die Arbeit des Kindes voll und ganz zuzustimmen. Mitunter vergehen fünfzehn Minuten, bis er zufrieden aus dieser Tätigkeit „auftaucht“ und zu uns kommt oder sich etwas Neues sucht.

Wie ist das mit dem Spielzeug?

Wir sind sehr bemüht darum, das vorhandene Spielzeug zu reduzieren, und das fällt erschreckender Weise auch bei so einem kleinen Wicht schon schwer. Vor allem, weil wir viele Freunde und Verwandte haben, die so gern schenken, aber auch, weil es einige Spielsachen gibt, die wir selbst so schön finden!

Wir handhaben es im Moment so, dass immer nur eine Auswahl von Spielsachen in Körben im Wohnzimmer vorhanden ist und regelmäßig ausgetauscht wird. Dadurch kann der kleine Mann immer wieder Neues entdecken und wird von der Flut nicht überfordert. Die schönsten Spielsachen sind für ihn momentan sowieso die Alltagsgegenstände, die er auf seinen Erkundungstouren durch die Wohnung findet: Taschenlampen, Schuhe, Schubladen mit Dosen, Schranktüren mit dahinter verborgenen Nudel- und Teepackungen, Kochlöffel, Wäscheklammern, CDs usw.

Ich mag Spielzeug sehr, das ästhetisch und aktivierend ist, aber besonders wichtig ist es aus meiner Sicht, dass Spielzeug facettenreich ist und verschiedene Spielvarianten eröffnet. Das „Entdeckerhäuschen“ auf dem Bild oben beispielsweise wird ursprünglich als DIY-Adventskalender verkauft, aber bei uns wird es zum Erkunden, Hineinstecken, Öffnen, Schließen, Aufklappen, Zuklappen, Verstecken von Dingen benutzt. Wenn größere Kinder hier sind, wird das Haus zum Puppenhaus, in dem es brennt und zu dem die Feuerwehr anrücken muss… Ähnlich schön und vielseitig nutzbar sind die Holzeisenbahn, die erwähnte Feuerwehr, die Schleich-Tiere, außerdem alle Materialien, die zum Verändern einladen: Bausteine, Papierrollen, große Pappkartons, Zeitungspapier, Holz zum Bauen, Knete, Sand, Wasser…

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Was zeichnet das kindliche Spiel aus?

Kindliches Spiel ist schöpferisch, frei, selbstbestimmt, freudvoll und aktiv, Spielen ist frei von äußeren Erwartungen – für mich gibt es daher eine klare Unterscheidung zwischen Spielsachen, die ein solches Spielen ermöglichen, und Spielzeug, das nur auf eine bestimmte Art und Weise zu benutzen ist (Steckpuzzle, Zuordnungsspiele, Brettspiele). Auch dieses Spielzeug hat seine Berechtigung und wird in bestimmten Phasen intensiv bearbeitet und bespielt. Es sollte aber nie das einzige sein, das zum Spielen verfügbar ist. Und dieses zielgerichtete, regelgeleitete Spielen sollte sich stets abwechseln mit Phasen des freien, schöpferischen Spiels ohne „Ziel“.

Wenn kindliches Spiel zu sehr als „Arbeit“ im erwachsenen Sinne missverstanden wird und davon ausgegegangen wird, dass es dem Bedürfnis von Kindern entspricht, in ihrem Zimmer am Tisch zu sitzen und hochkonzentriert ein Puzzle nach dem anderen zu puzzeln, Gegenstände in vorgegebene Dosen zu stecken oder Gegenstände zu Fotos zu sortieren (was auf manchen Blogs mit sehr ansprechenden Fotos von ästhetischen Materialien in harmonischen Kinderzimmerregalen den Eindruck erweckt), dann fehlen genau die Aspekte, die das Spielen von Kindern so besonders machen: die Phantasie, die Bewegung, die Selbstbestimmung, die Kraft, die Kommunikation mit anderen Kindern…

Spielen braucht Freiheit!

Dass Kinder im Spiel immer lernen, darf nicht so ausgelegt werden, dass ihr Spiel schon von vornherein als „Lernaktivität“ geplant werden muss.  Das geschieht von ganz allein. Je freier Kinder sich in ihrer Umgebung bewegen können, desto besser kann man beobachten, was gerade im Fokus ihrer Aufmerksamkeit ist: das kann das Puzzle sein, das kann das Schneiden, das Sortieren, das Stecken, das Spiel mit Wasser, das Rollenspiel mit Puppen, das Graben von Löchern in Sand, das Matschen, das Legen von Mosaiken, das Versteckspiel, das Spielen mit dem Ball oder das Bauen mit Lego sein… wichtig ist, dass nicht wir es sind, die das bestimmen. Natürlich können wir aufgreifen, was gerade besonders spannend ist, Neues anregen und Angebote machen, aber das Spiel (ob schöpferisch-bewegt oder konzentriert-lernend) ist das Spiel des Kindes und keine „Verpackung“ für Lerninhalte, die wir meinen vermitteln zu müssen.

Die Freiheit, die aus meiner Sicht die Bedingung für selbstbestimmtes, freudvolles Spielen ist, bezieht sich vor allem auf freie Zeit (ohne Termine, ohne Hektik), auf freie Platzwahl und Zugänglichkeit unterschiedlichster Orte (verschiedene Räume, Wald, Garten, Hof, Spielplatz, Park…), auf die freie Entscheidung über das was gespielt wird, die freie Wahl der Spielpartner und die möglichst selbstbestimmte Lösung von auftretenden Problemen.

Wenn wir eine kindgemäße und anregende Umgebung schaffen, Freude am Erleben des Kindes zeigen, aber Respekt haben vor seinem eigenen Planen und Handeln und uns nur dann einmischen, wenn das Kind es möchte, entstehen von allein die schönsten Spiele – ob mit Spielzeug oder ohne, ob draußen oder drinnen, ob allein oder zu mehrt…

 

Mich interessiert, wie das bei Euch ist! Womit und wo spielen eure Kinder gern? Wie schafft ihr die Balance zwischen Mitspielen, Mitfreuen, aber nicht-Einmischen? Und seid ihr auch manchmal versucht, Spielzeug zu kaufen, weil es „pädagogisch wertvoll“ ist? Und: wie passen die Erkenntnisse über das selbstbestimmte Spielen und Lernen mit unserem System von Schule und Lernen zusammen?

Liebe Grüße, KATHARINA

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Karen sagt:

    Bei uns entstehen oft die längsten und intensivsten Spiele ganz ohne Spielzeug. Hier kommen am meisten große Pappkartons mit allmöglichen verfügbaren Haushaltsgegenstände zum Einsatz ;-). LG Karen

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  2. Das Adventskalender-Häuschen finde ich klasse! Wo habt ihr das denn bekommen?
    LG, Katja

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    1. Hallo Katja, das Häuschen habe ich im Katalog eines Bastelanbieters (butinette) gefunden, findet man auch online, und dann unter Blankomaterial aus Holz o. ä. suchen. Viel Spaß beim Befüllen 🙂 und liebe Grüße! Katharina

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