Das Ziel im Leben ist, all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen

Angeregt durch Katjas Blogbeiträge (inwachsendenringen) zur Gewaltfreien Kommunikation habe ich mich in den letzten Tagen nochmal eingehender mit Marshall B. Rosenberg und seinem Ansatz auseinander gesetzt. Ich habe festgestellt, dass das, was ich bisher mit diesem Begriff verband – ist das nicht so ein Programm zur Gewaltprävention in Schulen, in dem von Wolfs- und Giraffensprache gesprochen wird? – der Komplexität und Universalität des Konzeptes in keinster Weise gerecht wird.

Es geht um eine Veränderung der Sprache in zwischenmenschlichen Beziehungen, aber es geht vor allem um das Erspüren der eigenen Bedürfnisse, Gefühle und dem, was jeden Menschen lebendig sein lässt. Es geht um die Verbindung zwischen Menschen, aber vor allem um die Verbindung mit sich selbst, um Selbsteinfühlung und Empathie mit sich und mit anderen Menschen. Schon jetzt, nach einem nur kurzen Eintauchen in Literatur zur Gewaltfreien Kommunikation, verspüre ich die enorme Kraft, die in diesen Gedanken steckt.

Es sind viele aufrüttelnde Aussagen und Erkenntnisse, die mich beschäftigen und an denen ich herum denke. Aus dem sehr empfehlenswerten Buch „Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation“ möchte ich die heraus greifen, die mir in Bezug auf das Zusammensein mit Kindern als besonders elementar erscheinen.

Das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen. Was auch immer sich in uns offenbart, es ist das Leben, das sich darin zeigt, und es ist immer ein Geschenk, sich mit ihm zu verbinden.

Ich glaube wirklich, dass wir Menschen eigentlich nichts mehr genießen, als zum Wohlergehen anderer Menschen beizutragen.

Marshall B. Rosenberg

Wie klar und wie schön…

 

Je bewusster wir uns unserer Bedürfnisse sind, desto selbstbestimmter können wir leben und desto besser können wir andere Menschen verstehen. Denn alle Menschen haben die gleichen Bedürfnisse.

Gefühle und Bedürfnisse sind nicht voneinander trennbar. Bedürfnisse werden durch Gefühle sichtbar, erkennbar. (…) Das ist wie bei den Signallämpchen im Auto. Wenn das rote Licht angeht, dann wissen wir, dass der Tank leer ist. (…) Übertragen heißt das, wenn ich schmerzhafte Gefühle habe, dann weiß ich, ein Bedürfnis wird gerade nicht erfüllt.

Was auch immer wir anstellen, wir fangen damit an, uns bewusst zu machen, dass es kein Fehler war. Für alles, was wir tun, haben wir gute Gründe. Wir haben es getan, um ein Bedürfnis zu erfüllen.

Marshall B. Rosenberg

Wie einleuchtend und einfach das klingt – und wie schwer ist es, diese Gedanken in das eigene Gedankenkonstrukt zu integrieren. Besonders dieser letzte Gedanke beschäftigt mich: es gibt keine Fehler. Egal was ich hätte anders machen wollen, ich habe in diesem Moment so gehandelt wie ich es vermochte, um ein Bedürfnis zu erfüllen. Ich habe vielleicht eine ungeeignete Strategie gewählt oder ich habe so gehandelt, dass andere wichtige Bedürfnisse nicht erfüllt werden konnten. Aber es gibt keine Fehler. So ein einfacher Satz. Aber wie schwergewichtig wirkt er in einer Kultur, in der es so oft darum geht, bei sich selbst und bei anderen nach dem zu suchen, was man falsch macht.

Im Hinblick auf Kinder spricht Rosenberg davon,

dass wir eine Person sehr schnell entmenschlichen, wenn wir sie in die Schublade „Kind“ stecken.

Ja, das höre ich oft: „Man muss Kindern Grenzen setzen“. Ja natürlich, es ist wichtig, gegenüber anderen Menschen Grenzen zu setzen; das ist aber nichts, was speziell für Kinder gilt. (…) Manchmal setzen wir Menschen gegenüber Grenzen, um uns zu schützen oder um Bedürfnisse zu erfüllen, die für uns in dem jeweiligen Moment wichtiger sind. Aber all das hat nichts mit dem Alter des betreffenden Menschen zu tun.

Marshall B. Rosenberg

Die Schublade „Kind“ ist so verhängnisvoll, weil sie in unseren Köpfen automatisch aufspringt, auch wenn wir es gar nicht wollen. Wir machen Kinder zu Objekten, indem wir ihnen Eigenschaften oder Merkmale zuschreiben, die Kinder eben ausmachen: Kinder sind immer fröhlich, Kinder lachen viel, Kinder trotzen, Kinder müssen erzogen werden… Sobald diese Schublade im Kopf aufspringt, können wir nicht sehen, wie ein bestimmtes Kind wirklich ist, wie es ihm geht, was es braucht, was es mag; wir gehen nicht in Verbindung zu diesem einen Kind, weil wir ja „wissen“, wie Kinder ticken.

Rosenberg führt mit Eltern in Workshops eine Übung durch, um das Vorhandensein dieser Schublade bewusst zu machen. Er fordert Eltern auf, aufzuschreiben, was sie einer Person sagen würden, die sich etwas ausleiht und es nicht zurück gibt. Einem Teil der Eltern sagt er, dass diese Person der Nachbar ist, einem anderen Teil der Eltern sagt er, dass die Person das eigene Kind ist. Das Ergebnis ist in allen Workshops gleich: die Person, die mit Zuneigung, Verständnis und Respekt angesprochen wird, ist der Nachbar.

Dasselbe Gedankenexperiment könnte man auch durchführen für Situationen, in denen die Person zu spät kommt, nicht aufisst, etwas aus Versehen fallen lässt, etwas vergessen hat einzustecken… Wie viel verständnisvoller würden wir den Nachbarn, den Freund, die Schwester darauf hinweisen. Und wie schnell verfällt man in Sätze wie „Immer musst du…“, „Kannst du nicht aufpassen…?!“, wenn es um Kinder geht… Erschreckend, oder?

 

 Je jünger ein Mensch ist, desto besser ist er mit seinen Bedürfnissen verbunden. Irgendwann haben wir alle mal eine perfekte Gefühls- und Bedürfnissprache beherrscht, so ungefähr bis zum Alter von einem Jahr.

Marshall B. Rosenberg

Genau so alt ist unser kleiner Mann jetzt. Wie gern würde ich es schaffen, ihn so zu begleiten, dass er mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen auch weiterhin erbunden bleibt und sie klar und ehrlich kommunizieren kann!

 

Ich freue mich über eure Kommentare, eigene Erfahrungen, Fragen dazu…

KATHARINA

 

Zitate aus: Marshall M. Rosenberg: Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation. Ein Gespräch mit Gabiele Seils. 15. Auflage 2012.

 

 

 

 

 

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Oh, da hast du einen wunderbaren Satz als Titel zu diesem Beitrag ausgewählt: „All unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen.“ Wie weit sind wir davon entfernt! Und wie sehr ist unsere Kultur im Ungleichgewicht! Ja, lachen, das wollen wir schon. Aber Tränen sind nicht willkommen…
    Ich empfinde es als großes Geschenk, unsere Kinder begleiten zu dürfen auf ihrem Weg! Sie sind gute Lehrer, wenn es um Gefühle und Bedürfnisse geht. Manchmal bin ich ganz aufgeregt, wohin dieses Abenteuer wohl noch führen wird!
    Ich wünsche dir weiterhin viel Inspiration durch M. Rosenberg!
    Lieben Gruß, Katja

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Katja, ich finde den Satz auch unglaublich berührend und so wahr. Das stimmt, was die Tränen angeht, müssen wir noch viel lernen, auch im Zusammenhang mit Kindern. Wie schnell wird ein weinendes Kind abgelenkt, mit oberflächlichem Trost abgespeist. Letztlich herrscht bei vielen Erwachsenen noch die Auffassung, dass Kinder immer fröhlich zu sein haben – aber das sind wir wieder bei der Schublade „Kind“… Ich danke dir sehr für den Anstoß und freue mich auf weitere Erfahrungen mit der Gewaltfreien Kommunikation auf deinem Blog!

      Gefällt 1 Person

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