Vom Versinken im Augenblick oder: die Polarisation

Kinder können das. Sich völlig versenken im Augenblick. Einer Sache so viel Aufmerksamkeit schenken, dass für diesen Moment nichts anderes zählt. Alles andere ausblenden, weil nur diese eine Aufgabe, nur dieser eine Gegenstand von Bedeutung ist.

Unser kleiner Mann ist 11 Monate alt. Wenn ich ihn beobachte, wie er 15 Minuten daran arbeitet, eine Klappe immer wieder auf- und zuzumachen, versonnen aus dem Fenster blickt und die Vögel beobachtet, kleinste Veränderungen im Raum sofort bemerkt und untersuchen muss, genüsslich Kartoffelbrei mit allen Sinnen genießt, voller Freude mit beiden Händen im Sand wühlt, gefühlte Ewigkeiten eine winzige Schraube an einem Stuhl befühlt und voller Freude immer wieder untersucht – dann staune ich und bin auch ein wenig neidisch auf diese Fähigkeit zur absoluten Konzentration.

Wie oft erledige ich bei einer Tätigkeit im Kopf schon eine andere oder gehe achtlos an kleinen Wundern der Natur vorbei, weil ich mir gar nicht die Zeit und die Aufmerksamkeit nehme, genau hinzusehen. Wie schnell gebe ich auf, wenn etwas nicht gleich klappt. Der kleine Mann hingegen probiert es wieder und wieder, wird wütend, wenn die Tür, der Deckel, seine eigene Hand nicht so wollen wie er es möchte, lässt die Wut kurz raus und – probiert es nochmal und nochmal.

Warum verlernen wir das?

Immer wieder beobachte ich Erwachsene, die Kinder einfach so ohne Ankündigung und ohne zu beachten, was diese gerade tun, aus ihrem Spiel oder ihrer Tätigkeit heraus „reißen“, weil etwas anderes dran ist. Auch mir passiert es, dass ich nicht genügend aufpasse, aber ich versuche ein Herausreißen aus tiefer Versunkenheit sehr zu vermeiden. Die Achtung vor dem, was das Kind tut – auch wenn mir das Untersuchen einer Schraube in diesem Moment nicht bedeutsam erscheint – empfinde ich als elementar. Kinder zeigen uns – wenn sie selbst bestimmen können, wohin sie sich bewegen und was sie tun wollen – so genau, was gerade ihr Interesse, ihre Entwicklungsaufgabe ist.

Montessori geht in ihren Beobachtungen von arbeitenden Kindern davon aus, dass ein Kind, das sich völlig in eine Tätigkeit vertiefen konnte, verändert aus dieser Konzentration hervor geht – gestärkter, zufriedener, geordneter, mehr „bei sich“ als vorher. Diese tiefe Konzentration, die sie Polarisation der Aufmerksamkeit nennt, ist die „Montessori-Entdeckung“ schlechthin, weil Kindern vorher eine solche Fähigkeit zur Konzentration völlig abgesprochen wurde. Kinder, die sich völlig versunken mit einem Gegenstand beschäftigen, scheinen anschließend wie zu „erwachen“ und lächeln häufig. Wenn sie nicht gestört werden, wiederholen sie eine Bewegung, eine Aktivität viele, viele Male und dabei geschieht, was wir von außen nicht herbei führen können, auch wenn wir es uns wünschen: das Kind lernt und verknüpft die neue Fähigkeit, die neue Erkenntnis mit den vorher gelernten Kompetenzen, ordnet das Neue gleichsam in das Wissensnetz ein.

Jedes Mal, wenn ein Kind bei so einer tiefen Handlung gestört wird, wird es verständlicherweise nicht nur Unmut zeigen (was dann schnell mit Trotz verwechselt wird), sondern auch mehr und mehr die Fähigkeit verlieren, sich so einlassen zu können. So ist es uns allen wohl schnell ergangen. Spätestens in der Schule, wenn der Stundenplan den Rhythmus vorgibt, aber leider auch schon lange vorher. Immer kleinere Kinder haben schon volle „Terminkalender“ und immer weniger Zeit dazu, sich im Spiel oder in einer frei gewählten Tätigkeit zu versenken. Wir Erwachsenen funken den Kindern ständig dazwischen, weil unsere Pläne, unser Rhythmus, unsere Zielstrebigkeit ihrem Erleben des Moments entgegen stehen.

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Wie löst ihr das? Wie ermöglicht ihr euren Kindern Momente des Versunkenseins? Und wie ist es mit euch selbst, könnt ihr euch noch vollkommen im Augenblick verlieren?

 

 

 

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