Jesper Juul: Über die Verantwortung der Kinder

 

Juul unterscheidet in seinem Buch „Das kompetente Kind“ zwei Arten von Verantwortung, die für die Entstehung gleichwürdiger Beziehungen in der Familie unabdingbar sind: die soziale und die persönliche Verantwortung.

 

Soziale Verantwortung meint die Verantwortung, die wir in der Familie, der Gesellschaft und in der Welt füreinander haben. Es ist die Form der Verantwortung, zu der uns ein Großteil unserer Eltern und Lehrer erzogen hat.

Das kompetente Kind, 139

 

Die persönliche Verantwortung hingegen ist die Verantwortung, die wir für unser eigenes Leben haben -für unsere physische, psychische, mentale und spirituelle Gesundheit und Entwicklung. Zu dieser Verantwortung sind die wenigsten von uns erzogen worden, doch ist sie die größte Kraft, die wir kennen, um das eigene Wohlbefinden zu fördern und den Gesellschaften, denen wir angehören, kreative Energie zuzuführen.

Das kompetente Kind, 140

 

Kinder (entwickeln) sich nur dann zu selbstbewussten und eigenverantwortlichen Erwachsenen, wenn ihre Eltern

  • für ihre persönliche Integrität Sorgen tragen;
  • eingreifen, wenn sie bemerken, dass die Kooperation ihrer Kinder ein gewisses Maß überschreitet.
Das kompetente Kind, 141

 

Es gibt drei Lebensbereiche, in denen Kinder von Anfang an persönliche Verantwortung übernehmen können:

Die Sinne:

  • was gut und was nicht gut schmeckt
  • was angenehm oder weniger angenehm riecht
  • was sich kalt oder warm anfühlt

Die Gefühle:

  • Freude, Liebe, Freundschaft, Zorn, Frustration, Trauer, Schmerz, Lust

Bedürfnisse:

  • Hunger, Durst, Schlaf, Nähe, Distanz
Das kompetente Kind, 152

 

Das klingt so simpel – und ist doch für so viele Erwachsene unvorstellbar. Kleine Kinder sollen schon Verantwortung übernehmen können für ihr Essverhalten und ihr Schlafbedürfnis? Dabei sind doch die meisten von uns so groß geworden, dass uns stets gesagt wurde, wann wir zu schlafen haben und dass wir aufessen/ nicht so viel essen sollen.

Wenn man beginnt, das zu hinterfragen, und wirklich auf die Bedürfnisse der Kinder achtet, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus, wie kompetent Kinder für sich sorgen.

Unser Kleiner zeigt uns gerade beim Essen immer wieder, wie genau er seine Bedürfnisse kennt: wenn er nach einer Krankheit wieder zu Kräften kommen muss, wählt er von seinem Teller nur Kohlenhydrate; wenn er zahnt, greift er besonders gern zu kalter Gurke und Apfel; wenn es ihm magenmäßig nicht gut geht, nimmt er nur Hirsekringel und Brötchen! Vorraussetzung dafür ist natürlich, dass er eine Auswahl zur Verfügung gestellt bekommt und entscheiden darf. Beeindruckend, immer wieder: dieser kleine Mann, 10 Monate alt und sehr selbstbewusst, lässt nicht zu, dass ihm irgend etwas in den Mund gesteckt wird, das er nicht selbst begutachtet, befühlt, gekostet und für gut befunden hat.

Nach wie vor kenne ich viele gruselige Beispiele, bei denen das Bedürfnis des Kindes nicht ernst genommen und Essen schnell „reingeschoben“ wird, während das Kind abgelenkt wird, keine Wahl gelassen wird, Nachtisch vorenthalten wird, weil nicht aufgegessen wurde usw. Wie Essenssituationen in Familien laufen, ist, so denke ich, ein sehr guter Indikator für die generelle Qualität des familiären Zusammenseins.

Auch das Übernehmen von Verantwortung für die eigenen Gefühle ist für mich ein Punkt, an dem ich immer wieder erschrecke, wie schnell es passiert, Gefühle von Kindern zu bagatellisieren. Wenn ein Kind sich weh tut, neigt die Mehrzahl der Erwachsenen dazu, das herunter zu spielen, zu trösten und zu sagen „Ist doch nicht so schlimm“ und schnell abzulenken. Der Wunsch, der dahinter steckt, ist verständlich: man will dem Kind den Kummer nehmen (und weinende Kinder sind für die meisten von uns schwer auszuhalten), manchmal steckt aber auch dahinter, dass das Kind nicht so eine „Show“ machen und sich nicht „hinein steigern“ soll… Wie leicht ist die Botschaft, die beim Kind ankommt: „Hab dich nicht so“, „Das ist doch gar nichts“ – auch wenn es nicht so gemeint ist und nicht explizit ausgesprochen wird, wird so der Schmerz des Kindes nicht ernst genommen.

Gerade beim Trösten ist es eigentlich so leicht zu sagen „Oh, das tut weh“, „So sehr musst du weinen, weil du dir so weh getan hast“ oder einfach gar nichts zu sagen und nur Nähe zu geben, zu pusten, da zu sein. Aber tief in uns gibt es offenbar ein „Programm“, das automatisch die „Ist doch nicht schlimm“-Nummer abspielt, auch wenn wir gar nicht wissen können, wie schlimm es für das Kind ist.

 

Juul verweist im Zusammenhang mit dem Übernehmen von Verantwortung noch auf zwei wichtige Dinge:

Kinder können mit Hilfe von Lauten, Bewegungen und Sprache ihre Grenzen kenntlich machen, doch können sie sich nicht vor Manipulation und Übergriffen durch ältere Kinder oder Erwachsene schützen. Darum sind sie vollkommen von der Fähigkeit und dem Willen ihrer Umgebung abhängig, ihre Kompetenz anzuerkennen und ihnen das Recht zuzugestehen, persönliche Verantwortung auszuüben.

Kinder wissen, wozu sie gerade Lust haben, kennen aber ihre wahren Bedürfnisse nicht.

Das kompetente Kind, 163

 

Wenn die spontane Lust der Kinder zur wichtigsten Richtschnur der Eltern wird, bekommen Kinder ganz gewiss nicht, was sie benötigen. (…)

In diesen Familien kommt der Dialog zwischen Eltern und Kindern zu kurz. In ihrem Bestreben, fürsorglich und nicht autoritär zu sein, übersehen die Eltern ihre eigenen Bedürfnisse und ihre eigene Integrität, womit den Kindern ein persönlicher Widerpart fehlt. (…) Schon für einen Erwachsenen ist es äußerst schwierig, zu seinem Partner zu sagen: „Hör mal zu, ich weiß, dass du mir am liebsten jeden Wunsch erfüllen möchtest, doch ich bekomme nie, was ich am meisten brauche: dich!“ – Für ein Kind ist das vollkommen unmöglich.

Das kompetente Kind, 172f.

 

 

Und was ist nun eigentlich mit der sozialen Verantwortung? Wie lernen Kinder, sich für ihre Mitmenschen und für ihr Umfeld verantwortlich zu fühlen?

Juul sagt dazu:

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder, deren Eigenverantwortung gefördert wird, fast automatisch ein hohes Maß an sozialer Verantwortung entwickeln (…).

Damit sich soziale Verantwortung optimal entwickelt, bedarf es vor allem zweier Voraussetzungen:

  • Eltern müssen den Drang der Kinder zur Kooperation sehen und anerkennen
  • Eltern müssen sich untereinander, den Kindern und anderen Menschen gegenüber verantwortungsvoll verhalten.

Das Beispiel der Eltern (…) hinterlässt tiefere Spuren als ihre verbale Erziehung.

Das kompetente Kind, 178f.

 

 

Zum Schluss möchte ich zum Thema Verantwortung der Kinder nochmal auf Juuls sehr wichtigen Kommentar über die Verantwortung für die Beziehung hinweisen:

In einer Beziehung zwischen Erwachsenen sind beide gleichermaßen verantwortlich für die Beziehung. In der Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind ist der Erwachsene für die Beziehungsqualität immer hundertprozentig verantwortlich!

aus: Jesper Juul: Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder wichtig ist.

 

 

Ganz schön dicht und inhaltlich komplex, immer wieder geben Juuls Zeilen mir viel Stoff zum Nachdenken und Neu-Denken…

Wie seht Ihr das mit der persönlichen und der sozialen Verantwortung? Fällt es euch leicht, die Eigenverantwortung Eurer Kinder für ihre Bedürfnisse, Gefühle und Sinne ernst zu nehmen, auch wenn ihr Temperaturgefühl sich komplett von eurem unterscheidet oder ein Wutanfall sich aus Euren Augen grundlos ereignet? Und wie empfindet Ihr die Unterscheidung zwischen der Lust von Kindern, Dinge zu haben oder zu tun und dem eigentlich dahinter liegenden Bedürfnis…?

 

Ich bin gespannt auf eure Meinungen!

Katharina

 

Zitate aus: Jesper Juul: Dein kompetentes Kind. Auf dem Weg zu einer neuen Wertgrundlage für die ganze Familie. 5. Auflage. Hamburg 2011.

 

 

 

 

 

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Unsere Tochter ist ja schon viel älter, sie wird im Sommer 8. Aber wir haben sie immer viel selbst entscheiden lassen. Sie hat auch einen viel zu starken Willen um sich da einschränken zu lassen.
    Liebe Grüsse,
    Isabelle

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  2. Ich bin immer wieder begeistert Sachen von Juul zu lesen. Macht einfach Spass! Ich kann mich sehr gut in die Situationen, die Du aus Deinem Alltag geschildert hast, reinversetzen. Gerade beim Thema Essen gehen, glaube ich, viele Eltern und Familien durch Hoehen und Tiefen. Dabei ist es gerade so wichtig, immer wieder das Vertrauen in das Kind/die Kinder in den Mittelpunkt zu stellen. Sie und ihre Koerper wissen – und ja, das beginnt auch schon bei Kleinkindern – am Besten, was sie gerade brauchen. Vorausgesetzt ist dabei natuerlich, dass ihnen eine Auswahl an verschiedenen und gesunden Essen angeboten werden.

    Auch Deine Gedanken zum Thema Trost teile ich voll und ganz. Ich kann mich noch zu gut an meine Kindheit erinnern und die Kommentare, die man gerade als Junge zu hoeren bekam: „Jungen weinen nicht!“, „Bist doch kein Maedchen“, „Indianer kennen keinen Schmerz“ u.ae. Bloedsinn. Es hat Jahre gebraucht, bis ich das aufgearbeitet hatte. Heute kann ich meine Kinder einfach in den Arm nehmen, Empathie zeigen, troesten und zusammen mit ihnen reflektieren. Gemeinsames Heilen 🙂

    Danke fuer Deinen schoenen Artikel!

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  3. Andrea sagt:

    Vielen Dank für diesen informativen, kompakten Beitrag! Ganz besonders deine Gedanken zum Trösten haben mich berührt. Du hast das innere Programm von uns Erwachsenen, welches sich immer wieder einschleicht, so einleuchtend beschrieben!

    Es bleibt uns nichts anderes übrig unsere eigene Kindheit zu reflektieren. Und uns dann die Frage zu stellen: War das gut für mich und will ich es wirklich weiter geben? Unsere Kinder finden unsere wunden Stellen aus unserer Kindheit so punktgenau. Was für eine wunderbare Möglichkeit an uns und unseren Programmen zu arbeiten.

    Wir können außerdem so viel von unseren Kindern lernen. Ich hab von meinem Sohn zum Beispiel gelernt, Gefühle zu zeigen, im Jetzt zu leben, bedingungslos zu lieben uns so viele andere Dinge. Unsere Kinder sind zu tode betübt, sie lassen all ihre Gefühle raus (wenn wir sie lassen) und kurze Zeit später scheint wieder Sonne aus ihrem Gemüt. Die Kinder sind so schlau!

    Schön dass du meinen Blog gefunden hast, denn so bin ich auch auf deinen wunderschönen Blog aufmerksam geworden! ❤

    Ganz liebe Grüße
    Andrea

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