Maria Montessori: Die Arbeit des Kindes

In Wirklichkeit trägt das Kind den Schlüssel zu seinem rätselhaften individuellen Dasein von allem Anfang in sich. Es verfügt über einen inneren Bauplan der Seele und über vorbestimmte Richtlinien für seine Entwicklung. Das alles aber ist zunächst äußerst zart und empfindlich und ein unzeitgemäßes Eingreifen des Erwachsenen mit seinem Willen und seinen übertriebenen Vorstellungen von der eigenen Machtvollkommenheit kann jenen Bauplan zerstören oder seine Verwirklichung in falsche Bahnen lenken.

Kinder sind anders, 61

 

Montessoris pädagogische Erkenntnisse sind deshalb so „bestechend“, weil sie sie stets aus naturwissenschaftlicher Sicht begründet und hergeleitet hat. Entwicklungspsychologische Ansätze gehen in ihre Pädagogik ebenso ein wie Erkenntnisse aus der Biologie und der Medizin. Die Idee des Kindes als „Baumeister seiner selbst“ ist eng verknüpft mit Beobachtungen aus der Natur. So wie Vögel aufgrund ihres angeborenen Instinktes wissen, wie sie Nester bauen und Pflanzen gemäß ihrer Natur aus einem Samen wachsen, ohne dass jemand von außen „mitarbeiten“ muss, so trägt auch das Kind, wenn es geboren wird, bereits seinen „inneren Bauplan“ in sich. Dem Säugling muss nicht beigebracht werden, wie er an der Brust saugen muss, und es muss auch niemand an den Knochen ziehen, damit sie wachsen. Jeder Entwicklungsschritt ist im Menschen bereits angelegt. Das Kind wird beginnen zu krabbeln, wenn es seine Muskeln dafür genügend trainiert hat, wenn es genügend Gelegenheit hatte, die dafür nötigen Bewegungen auszuprobieren und wenn es sich ausreichend stärken konnte.

Montessori spricht davon, dass eine kluge Mutter ihrem Kind ausreichend Nahrung und Luft gibt und ansonsten geduldig und staunend beobachtet, wie der erste Zahn sprießt, wie das Kind nach etwas greift und wie es sich erhebt.

Eben diese Grundvorstellung durchzieht die gesamte Pädagogik: das Vertrauen in die inneren Kräfte und den inneren Plan jedes Kindes, welches darauf angelegt ist zu wachsen und zu lernen.

Das Bild vom Kind als „Baumeister seiner selbst“ enthält noch eine zweite sehr wichtige Komponente. All das Wachsen und Werden geschieht aus Montessoris Erfahrung und Beobachtung dadurch, dass das Kind AKTIV ist und ARBEITET. Im Begriff der Arbeit, der Aktivität, ist als wesentliches Element die Bewegung enthalten. Das Kind arbeitet an seinem Bauplan, indem es mit den Händen aktiv ist, indem es seinen ganzen Körper bewegt und seine Bewegungen immer weiter verfeinert.

In einer der großen kosmischen Erzählungen beschreibt Montessori, wie der Mensch, der sich in das aufrechte Gehen erhebt und vom Affen zum Menschen entwickelt, durch das Benutzen seiner Hände als Werkzeug erst sein Gehirn und seine Sprache entwickeln lernte.

Für Montessori ist das Spiel die Arbeit des Kindes. Allerdings hat ihre Beobachtung gezeigt, dass Spielen nicht meint, mit eigens dafür vorgesehenem „Spielzeug“ zu spielen, sondern das das größte Vergnügen der Kinder darin liegt, das zu tun, was die Erwachsenen tun, und dies in unzähligen Wiederholungen und Abwandlungen tun zu können.

Wenn Kinder frei entscheiden können, was sie tun wollen, und dies in ihrem Tempo und so oft sie wollen, dann erlernen sie mühelos eine Fähigkeit, die als so wesentlich angesehen und die später so schwer erlernt werden kann: die Beständigkeit beim Arbeiten, die Konzentration auf die Arbeit. Für Montessori ist es ganz grundlegend, dass das kleine Kind ungestört und „beharrlich“ seiner Tätigkeit nachgehen kann. Jede Störung, die wir von außen herbei führen, stört die Konzentration des Kindes auf seine innere Aufgabe.

Nicht zuletzt geht Montessori davon aus, dass jedes Kind an sich „arbeitet“, so wie wir alle mitarbeiten an der Gestaltung der Welt in der wir leben und am Schöpfungsplan. Wenn jeder – so ihre Annahme – an seinem inneren Bauplan, seinen Bedürfnissen entsprechend in seinem Tempo und in Freiheit arbeiten kann, dann wird sich eine Zufriedenheit in jedem Menschen einstellen, die letztlich zu einer friedlicheren Welt führt.

Der Mensch bildet sich durch Arbeit, indem er Handarbeit ausführt, Arbeiten, bei denen eben die Hand das Instrument der Persönlichkeit ist, das Werkzeug des individuellen Verstandes und Willens, das der Umwelt gegenüber die eigene Existenz aufbaut.

Kinder sind anders, 259

 

(Bei der Arbeit des Erwachsenen) handelt es sich um eine äußere Arbeit, getragen von vernunftbestimmter Willensanstrengung und auch als produktive Arbeit bezeichnet, ihrer Anlage nach sozial, kollektiv und organisiert.

Kinder sind anders, 265

 

Aber auch das Kind ist ein Arbeiter und Erzeuger. Kann es auch nicht an der Arbeit des Erwachsenen teilnehmen, so hat es doch seine ganz eigene, große, wichtige und schwere Aufgabe zu erfüllen: die Aufgabe, den Menschen zu bilden.

Kinder sind anders, 269

 

Die Arbeit des Kindes gehört einer anderen Ordnung an und hat eine andere Mächtigkeit als die Arbeit des Erwachsenen, ja ist dieser geradezu entgegengesetzt: Es ist eine unbewusste Arbeit, verwirklicht durch eine in der Entwicklung befindliche geistige Energie, eine Schöpfungsarbeit (…). Das Kind ist der Erzeuger des Menschen. Die gesamten Möglichkeiten des Erwachsenen hängen davon ab, inwieweit das Kind diese ihm anvertraute geheime Aufgabe erfüllen konnte.

Kinder sind anders, 269

 

Der Erwachsene vermag in diese Arbeit nicht einzugreifen.

Kinder sind anders, 269

 

Das Kind wächst mit der Übung (…). Durch die Erfahrungen, die es macht, übt sich das Kind und kommt in Bewegung; es stimmt seine Bewegungen aufeinander ab, die Gefühlseindrücke, die es aus der Außenwelt aufnimmt, formen seinen Verstand; es vollbringt beim Erwerb der Sprache wahre Wunder an Aufmerksamkeit und Auffassungskraft, Wunder, die nur ihm allein möglich sind; und unaufhaltsam versucht es, sich auf die Füße zu stellen und zu gehen, bis ihm dies eines Tages gelingt. Bei alledem richtet es sich ebenso nach einem Programm und einem Plan wie der fleißigste Student und tut dies mit derselben Unwandelbarkeit, mit der die Gestirne ihre unsichtbare Bahn zurücklegen.

Kinder sind anders, 270

 

Durch unermüdliche Aktivität, durch Kraftanstrengungen, Erfahrungen, Eroberungen und Leiden, durch harte Proben und mühsame Kämpfe efüllt das Kind Schritt für Schritt seine schwierige und wunderbare Aufgabe und erreicht immer neue Formen der Vollkommenheit.

Kinder sind anders, 270

 

Arbeitet ein Kind, so tut es dies nicht, um ein äußeres Ziel zu erreichen. Sein Ziel ist das Arbeiten. Das Abbrechen der Arbeit steht (…) in keiner Verbindung mit etwaiger Müdigkeit; denn es ist gerade eine Eigenheit des Kindes, dass es erfrischt und energiegefüllt von seiner Arbeit aufsteht. (…) Das Kind folgt nicht dem Gesetz des geringsten Kraftaufwandes, sondern eher einem gegenteiligen Gesetz; denn es verbraucht für eine zwecklose Arbeit eine ungeheure Energiemenge.

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Ein anderer deutlicher Unterschied zwischen der Arbeit des Erwachsenen und der des Kindes besteht darin, dass dieses weder Belohnung noch Zugeständnisse wünscht; das Kind muss seine Wachstumsaufgabe ganz allein bewältigen, es muss sie restlos erfüllen.

Kinder sind anders, 273

 

Wird sich der Erwachsene nicht dieses Geheimnisses bewusst, so wird er nie die Arbeit des Kindes verstehen; und er hat sie auch tatsächlich nicht verstanden; darum hindert er das Kind am Arbeiten und meint, dass die Ruhe das sei, was dem Kind am besten zu einem rechten Wachstum verhelfe. Der Erwachsene nimmt dem Kind eine jede Tätigkeit ab, weil er eben ganz im Banne seiner eigenen Arbeitsgesetze steht, die ihm möglichst geringen Kraftaufwand und größte Zeitersparnis vorschreiben.

Kinder sind anders, 274

 

Lässt man dem Kind nur ein klein wenig Spielraum, so wird es den Willen zur Selbstbehauptung sogleich mit einem Ausruf kundgeben wie : „Das möchte ich tun, ich!“ In den kindgemäßen Umgbungen unserer Kinderhäuser haben die Kleinen ihr inneres Bedürfnis mit dem bezeichnenden Satz ausgedrückt: „Hilf mir, es allein zu tun.“

 

Kinder sind anders, 274

 

 

Mich würde interessieren, was Ihr dazu denkt und was Euch beim Lesen dieser Zitate durch den Kopf geht. Immerhin ist es sehr lang her, dass Montessori diese Beobachtungen formuliert hat – sind sie für uns trotzdem noch gültig? Was nehmt Ihr daraus mit? Hinterlasst mir doch einen Kommentar, ich würde mich freuen!

Katharina

 

Zitate aus: Maria Montessori: Kinder sind anders. 16. Auflage. 2012.

 

 

 

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