Alfie Kohn – Grundsätze

Alfie Kohn beschreibt in seinem Buch „Liebe und Eigenständigkeit“ dreizehn Empfehlungen und Grundsätze für ein respektvolles Zusammensein mit Kindern.

  1. Denken Sie nach.

  2. Überdenken Sie Ihre Forderungen.

  3. Behalten Sie Ihre langfristigen Ziele im Blick.

  4. Setzen Sie die Beziehung an die erste Stelle.

  5. Ändern Sie ihre Sichtweise, nicht nur Ihr Verhalten.

  6. Zeigen Sie Respekt.

  7. Seien Sie authentisch.

  8. Reden Sie weniger, fragen Sie mehr.

  9. Berücksichtigen Sie das Alter der Kinder.

  10. Schreiben Sie Kindern das bestmögliche mit den Tatsachen zu vereinbarende Motiv zu.

  11. Sagen Sie nicht unnötig nein.

  12. Seien Sie nicht starr

  13. Seien Sie nicht in Eile.

Liebe und Eigenständigkeit, 140

 

Einige dieser Vorschläge möchte ich gern herausgreifen, weil sie in meinem täglichen Umgang mit Kindern eine besondere Bedeutung erlangt haben und mir oft dabei helfen, Situationen anders einzuschätzen und entsprechend anders zu reagieren, als ich es früher getan hätte.

Behalten Sie Ihre langfristigen Ziele im Blick.

Ob Ihr Kind heute den Kakao verschüttet, die Beherrschung verliert oder vergisst, die Hausaufgaben zu machen, ist nicht halb so wichtig wie das, was Sie tun, was Ihrem Kind entweder dabei hilft oder ihm eben nicht hilft, ein anständiger, verantwortungsbewusster, mitfühlender Mensch zu werden.

Liebe und Eigenständigkeit, 143

Wenn ich will, dass Kinder zu selbstständig denkenden und handelnden Erwachsenen heran wachsen, die ihre Meinung vertreten und keine „Ja-Sager“ sind, dann muss ich bereit sein, mich mit immer selbstständiger denkenden und handelnden Kindern auseinander zu setzen und ihre Meinung ernst zu nehmen. Kinder mit einem eigenen Willen und einer eigenen Meinung sind jedoch weniger „pflegeleicht“ und „artig“ (ein schreckliches Wort!) als viele Erwachsene das gern hätten…

 

Setzen Sie die Beziehung an die erste Stelle.

Die Beziehung zum Kind, die Verbindung, das Miteinander-Eingestimmt sein sollte immer mehr wert sein als irgend ein „Problem“, ein „Konflikt“, ein schwieriges Verhalten. Wenn ich merke, dass ein Konflikt sich so hoch schaukelt, dass die Beziehung zwischen mir und dem Kind in Gefahr ist, dann ist es höchste Zeit, selbst zurück zu schalten und sich auf das eigentlich Wichtige zu besinnen.

Wenn die Sache wichtiger wird als die Beziehung, dann führt das unweigerlich dazu, dass das Kind nur noch als Objekt gesehen und behandelt wird – und dabei ist es ganz egal, ob es um das Essen, das Aufräumen, die Hausaufgaben, das Schlafen geht…

Daher müssen wir uns die Frage stellen, ob es das Wert ist, die Beziehung zu gefährden, um ein Baby dazu zu bringen, durchzuschlafen, ein Kleinkind dazu, aufs Töpfchen zu gehen, oder ein größeres Kind dazu, auf seine Manieren zu achten.

Liebe und Eigenständigkeit, 144

 

Seien Sie authentisch.

Echte Menschen haben eigene Bedürfnisse, Dinge, die sie gern tun, Dinge, die sie verabscheuen. Kinder sollten das wissen. Echte Menschen sind manchmal nervös, abgelenkt oder müde. Sie sind nicht immer sicher, was sie tun sollen. Manchmal sagen sie etwas und bereuen es später. Wir sollten nicht vorgeben, kompetenter zu sein als wir sind. Und wenn wir etwas vermasseln, sollten wir es zugeben.

Liebe und Eigenständigkeit, 146

So wichtig es ist, die Bedürfnisse von Kindern stets zu berücksichtigen, so fatal kann es sein, wenn Erwachsene ihre eigenen Bedürfnisse nicht beachten und sich Tag und Nacht nur noch um das Kind oder die Kinder drehen – das führt auf längere Sicht unvermeidbar zu Frustrationen und Wut, die sich gegen die Kinder richten kann, für die man ja alles „geopfert“ hat, was einem selbst wichtig war.

 

Sagen Sie nicht unnötig nein

Die Realität ist die, dass die meisten Eltern ständig nein sagen. (…) Bisweilen berufen wir uns auf die Sicherheit, nur um einen Grund zu haben, nein sagen zu können. Vielleicht sagen wir Kindern, sie sollten aufhören, Dinge zu tun, die eigentlich ziemlich harmlos sind, oder wir sagen automatisch nein, wenn sie etwas Ungewöhnliches vorschlagen.

Liebe und Eigenständigkeit, 155

 

Ich habe es bei Freunden und leider auch bei mir selbst beobachtet: das Nein-sagen ist wirklich verbreiteter als man denkt. Daher versuche ich Kohns Empfehlung zu folgen und „ja zu sagen, wann immer es möglich ist“.  Gut daran ist nicht nur, dass Kinder ermutigt werden, mehr auszuprobieren und man selbst ermutigt wird, Gründe für Zustimmung oder Ablehung zu hinterfragen – wenn man nur selten nein sagt, bekommt ein nein deutlich mehr Gewicht in Situationen, wo etwas wirklich gefährlich oder nicht möglich ist.

Manche Eltern argumentieren, es sein ein Wert in sich, Kindern etwas zu verbieten: „Kinder müssen sich an Frustrationen gewöhnen; sie sollten lernen, dass sie später auch nicht alles machen können, was sie wollen“ (…) Es gibt mehr als genug Gelegenheiten, um zu lernen, wie man mit Grenzen umgeht, und um der Tatsache ins Auge zu sehen, dass es unmöglich ist, alles zu bekommen, was man will. Eltern brauchen nicht noch solche Gelegenheiten hinzuzufügen, indem sie nein sagen, wenn sie hätten ja sagen können. Außerdem ist die beste Vorbereitung für Kinder auf die Herausforderungen der „wirklichen Welt“ das Erleben von Erfolg und Freude. Menschen können nicht besser mit Unglück umgehen, wenn sie als Kinder absichtlich unglücklich gemacht wurden.

Liebe und Eigenständigkeit, 157

 

Seien Sie nicht in Eile.

Eltern üben stärkere Kontrolle über ihre Kinder aus, wenn die Zeit knapp ist, und ebenso, wenn sie sich in der Öffentlichkeit befinden. Die Kombination dieser beiden Umstände ist fatal.

Liebe und Eigenständigkeit, 160

Kinder zeitlich unter Druck zu setzen, bringt so gut wie nie etwas. Ihre „inneren Uhren“ ticken einfach völlig anders. Sie haben zum Glück nicht schon den nächsten Termin im Blick, sondern entdecken den Käfer auf dem Weg oder ein neues Schild an einem Haus und sind durch solche Kleinigkeiten oft der Zeit „entrückt“. Wann immer es geht, sollten wir Erwachsenen solche Entdeckungen ermöglichen und selbst einen Gang zurück schalten. Der nahtlos getaktete Terminplan mancher Kinder macht mich immer wieder ganz fassungslos. Manchmal bleibt zwischen all den Terminen nicht mal eine halbe Stunde Zeit zum freien Spielen…!

Darüber hinaus empfinde ich den Satz „Seien Sie nicht in Eile“ auch als Erinnerung daran, dass jedes Kind seine eigene Zeit hat, um Dinge zu lernen, auszuprobieren, zu entdecken. Der Wunsch, das eigene Kind solle auch „endlich“ krabbeln, sitzen, laufen können, weil andere Kinder in diesem Alter das schon tun, widerspricht dem Vertrauen in die eigenen Kräfte des Kindes, die es so entfaltet, wie es seinem eigenen „Entwicklungsplan“ entspricht.

 

Zitate aus: Alfie Kohn: Liebe und Eigenständigkeit. Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung. 1. Auflage. 2010.

 

 

 

 

 

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Andrea sagt:

    Ach ich liebe die Philosopie von Alfie Kohn, er ist so klar in seiner Sprache und bringt es auf den Punkt!
    Ja, es kann wirklich fatal sein wenn wir unsere eigenen Bedürfnisse vergessen. Abgesehen davon, dass es gar kein gutes Vorbild für unsere Kinder ist, wenn wir immer frustrierter werden, weil wir uns selbst vergesen, wirkt es sich auch so negativ auf das Familienleben aus. Eine glückliche Mutter schafft eine ausgeglichene Atmosphäre in der Familie und kann sich besser um das Kind kümmern.

    Eine Mama die ihre eigenen Bedürfnisse vergisst, wird oft dem Kind für ihre Unzufriedenheit geben, dabei trägt sie selbst die Verantwortung dafür.
    Toll, dass du die Grundsätze von Alfie Kohn so schön zusammengefasst hast, am Besten ich hänge sie mir an den Kühlschrank, damit sie immer präsent sind 🙂
    Liebe Grüße
    Andrea

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