Maria Montessori

Auf das Kind einwirken heißt, den empfindlichsten Punkt eines Ganzen anrühren, das seine Wurzeln in fernster Vergangenheit hat und sich auf die grenzenlose Zukunft zu bewegt. Auf das Kind einwirken heißt, den zartesten und vitalsten Punkt anrühren, an dem alles sich entscheiden und erneuern kann, wo alles von Leben strotzt, wo die Geheimnisse der Seele beschlossen liegen, weil dort dich der Aufbau des Menschen vollzieht.

Kinder sind anders, 19

 

Wollen wir nun das Kind anders behandeln als bisher und wollen wir es vor Konflikten bewahren, die sein Seelenleben gefährden, so ist zuvor ein grundlegender, wesentlicher Schritt erforderlich, von dem alles Weitere abhängt: Es gilt, den Erwachsenen zu ändern.

Kinder sind anders, 32

 

 

Ordnung bedeutet, die Lage der Gegenstände im Raum kennen, sich an die Stelle erinnern, wo jedes Ding sich befindet. Das wieder bedeutet, sich in seiner Umwelt zurechtzufinden und sie in allen ihren Einzelheiten zu besitzen. Besitz der Seele ist nur diejenige Umwelt, die man kennt, in der man sich mit geschlossenen Augen bewegen und jeden gesuchten Gegenstand wiederfinden kann. Nur wenn es seine Umwelt auf diese Weise besitzt, ist das Kind ruhig und glücklich.

Kinder sind anders, 86

 

Im Alter von anderhalb bis drei Jahren vermag ein Kind kilometerweit zu Fuß zu laufen und dabei schwierige Strecken, Steigungen und Treppen zu überwinden. Nur ist der Zweck seines Gehens von dem unseren völlig verschieden. Der Erwachsene geht, um ein äußeres Ziel zu erreichen, und strebt diesem unentwegt zu. (…)

Hingegen geht das Kind, um seine Gehfunktion zu entwickeln, und sein Zweck liegt somit im Gehen selber. Es ist langsam, es weder einen Schrittrhythmus noch ein Ziel. Die Dinge ringsum ziehen es von Fall zu Fall an und treiben es weiter. Die Hilfe, die ihm der Erwachsene zu gewähren hat, besteht darin, dass er auf den eigenen Rhythmus, auf die gewohnte Zielstrebigkeit ein für allemal verzichtet.

Kinder sind anders, 116

 

Der Intelligenz des Kindes entgeht auch das Verborgene nicht, eben weil es mit Liebe beobachtet, nie aber mit Gleichgültigkeit. Dieses aktive, brennende, eingehende und dauernde Sichversenken in Liebe ist ein Merkmal des Kindesalters.

Kinder sind anders, 147

 

Innerhalb der kindlichen Umwelt bildet der Erwachsene den wichtigsten Gegenstand der Liebe; von ihm erhält das Kind die materiellen Hilfen, von ihm nimmt es, mit intensiver Liebe, das, was es zur eigenen Formung benötigt. (…) Dem Erwachsenen gegenüber neigt das Kind zu einem Gehorsam, der bis an die Wurzeln seines Geistes reicht. (…)

Die Launen und Anfälle von Ungehorsam beim Kinde sind nichts anderes als der Ausdruck eines vitalen Konfliktes zwischen schöpferischem Impuls und der Liebe zum Erwachsenen, der das Kind nicht versteht. Jedes Mal, wenn der Erwachsene statt auf Gehorsam auf eine Laune des Kindes stößt, sollte er an diesen Konflikt denken und einsehen, dass das Kind etwas verteidigt, was für seine Entwicklung lebensnotwendig ist. (…)

Nie dürfen wir vergessen, dass das Kind gehorchen möchte und dass es liebt. Das Kind liebt den Erwachsenen über alles, während wir für gewöhnlich bloß sagen: „Wie doch die Eltern das Kind lieben!“ (…) Wer wirklich liebt, ist das Kind, das den Erwachsenen bei sich haben will und immer wieder seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen sucht: „Sieh mich an, bleib bei mir!“ (…) An dieser mystischen Liebe geht der Erwachsene meist achtlos vorbei.

Kinder sind anders, 148f.

 

Bereiten wir also dem Kind eine offene, seinem Lebensmoment angepasste Umwelt, so wird sich die kindliche Seele spontan offenbaren (…). Zu dieser Umwelt aber gehört auch der Erwachsene. Er muss sich den Bedürfnissen des Kindes anpassen, muss ihm zu seiner Unabhängigkeit verhelfen, darf ihm nicht zum Hindernis werden und darf sich ihm nicht bei den für sein Heranreifen wesentlichen Tätigkeiten substituieren.

Kinder sind anders, 156f.

 

Zitate aus: Maria Montessori: Kinder sind anders. 16. Auflage. 2012.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s